Mittwoch, 30. Mai 2012

Deutschland: detaillierte BIP-Daten zeigen das schiefe Wirtschaftsmodell [via QUERSCHUESSE]


Deutschland: detaillierte BIP-Daten zeigen das schiefe Wirtschaftsmodell

[via QUERSCHUESSE]

http://www.querschuesse.de/deutschland-detaillierte-bip-daten-zeigen-das-schiefe-wirtschaftsmodell/
 

Gestern berichtete das Statistische Bundesamt (Destatis) in der 2. Schätzung die Daten zum BIP in Q1 2012 und auch die detaillierten Daten zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Zunächst wurde das vergleichsweise solide Wachstum des realen (preis-, saison- und kalenderbereinigten) Bruttoinlandsprodukts (BIP) von +0,5% zum Vorquartal bestätigt, zum Vorjahresquartal ging es unbereinigt noch um real +1,7% aufwärts. Die detaillierten Daten zeigen leider aufs Neue, dass viel Zeit vertan wurde und das schiefe und einseitig aufgestellte deutsche Wirtschaftsmodell nicht wirklich korrigiert wurde.

Die Entwicklung des realen BIPs im Vergleich zum Vorquartal seit Q1 1992 bis Q1 2012 im Chart. In Q1 2012 ging es um +0,5% aufwärts, nach -0,2% in Q4 2011.

Die realen saison- und kalenderbereinigten Konsumausgaben der privaten Haushalte seit Q1 2000 bis Q1 2012 (2005=100) im Chart. In Q1 2012 stiegen die realen Konsumausgaben um +0,35% zum Vorquartal. Diese Daten dokumentieren eine Schwäche, denn seit dem Jahr 2000 bis Q1 2012 ist der reale private Konsum um "sagenhafte" +5,86% gestiegen.

Es geht zwar in die richtige Richtung, aber eine Korrektur des exportorientierten Wirtschaftsmodells ist damit nicht erzielbar. Der private Konsum stieg eher schwach und im Schlepptau des auch in Q1 2012 guten Exports und ist Folge der Effekte auf den vergleichsweisen hohen Grad der Beschäftigung in Deutschland. Auch der staatliche Konsum stieg verhalten, real und saisonbereinigt um +0,2% zum Vorquartal.

Wie schief das deutsche Wirtschaftsmodell grundsätzlich aufgestellt ist, zeigen nicht Vergleiche zum Vorquartal oder zu den Vorjahresquartalen, sondern die lange Datenreihe, wie in diesem Chart:

Die Entwicklung der realen Arbeitnehmerentgelte (grün), des realen Exportvolumens (rot) und der realen privaten Konsumausgaben der privaten Haushalte (blau) von Q1 2000 bis Q1 2012, alle Daten saisonbereinigt (Jahr 2000=100). Während die realen Exporte seit 2000 bis Q1 2012 um +84,44% stiegen, gab es bei den realen privaten Konsumausgaben einen lauen Anstieg von +5,86% und die realen Arbeitnehmerentgelten erzielten endlich ein Niveau von über dem Jahr 2000, mit einem Minianstieg von +0,59% seit 2000. So sieht sie aus, die wirkliche Genese des deutschen XXL-Aufschwungs!

Ganz klar, die Masse der Arbeitnehmer, als Summe aller Arbeitnehmerentgelte, partizipiert nicht adäquat an den Produktivitätsfortschritten und den permanenten Exporterfolgen Deutschlands, was ganz sicher Teil der deutschen wirtschaftspolitischen Strategie ist, die enorme Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft sichert und die Partner in der Eurozone an die Wand spielt! Wer profitiert von diesem Exportboom, ein Blick auf das nominale Exportvolumen und die Entwicklung der nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen macht dies deutlich:

Die Entwicklung beim saisonbereinigten nominalen Exportvolumen und den nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen verlief in der Vergangenheit ziemlich synchron. Blau (linke vertikale Achse) das Exportvolumen, rot (rechte vertikale Achse) die Entwicklung der Unternehmens- und Vermögenseinkommen, jeweils in Mrd. Euro auf Quartalsbasis von Q1 1991 bis Q1 2012. Die saisonbereinigten nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen stiegen in Q1 2012 auf 168,43 Mrd. Euro und lagen noch leicht unter den alten Hochs, während das nominale Exportvolumen von Waren, Gütern und Dienstleistungen in Q1 2012, ein neues Allzeithoch mit 332,93 Mrd. Euro markierte!

Dass die Unternehmens- und Vermögenseinkommen am Ende des Charts nicht mehr ganz so steil am Exporterfolg partizipierten, dürfte an den Einkommen liegen, die an den Finanz- und Kapitalmärkten generiert werden, denn es wird im Zuge der Schuldenkrise immer schwieriger Erträge aus Festgeldern, Schuldtiteln und Aktien zu erzielen. Dies kann allerdings nicht mit Daten belegt werden, da Destatis die Unternehmens- und Vermögenseinkommen im Rahmen der VGR für die Quartale nicht getrennt angibt.

Die These, dass sich die einseitige Exportausrichtung Deutschlands, welche Bestandteil der wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone ist und diese befeuerte und in der Konsequenz der Ungleichgewichte zur Schuldenkrise der Südperipherie beitrug, im globaleren Blickwinkel der wirtschaftlichen Ungleichgewichte auch Teil der Krise in UK und den USA ist und sich diese Einseitigkeit nicht nur gegen die eigenen Arbeitnehmer richtet, sondern in der Endkonsequenz auch die Vermögenden in Schwierigkeiten bringt, auf Grund extrem unsicherer Finanz- und Kapitalmärkte, ist schlüssig! Zuletzt dürfte in einer finalen Phase der kumulierten Verwerfungen auch die Exportindustrie einen herben Einbruch erleiden, in Folge der kollabierenden Nachfrage und den daraufhin ausgelösten Dominoeffekten bis hin zu den BRIC-Staaten, die noch die Export-Umsatzrückgänge aus der Eurozone weitgehend kompensieren konnten.

Um sich von solchen Szenarien etwas unabhängiger zu machen und einen relevanten Beitrag zum Abbau der wirtschaftlichen Ungleichgewichte beizutragen, wäre ein kräftiger Schub bei der Binnennachfrage in Deutschland vonnöten, aber dieser bräuchte die entsprechenden Einkommenszuwächse. Es wuchs in den letzten Quartalen zwar der Beschäftigungsstand, was positiv ist, nur selbst real verharrte in Q1 2012 die Summe aller realen Arbeitnehmerentgelte nur marginal über dem Niveau von 2000 und das ist zwar ein kleiner aber lächerlicher "Erfolg" angesichts der Notwendigkeiten! Das deutsche Jobwunder ist primär mieser Qualität, denn die Mehrzahl der geschaffenen Jobs beinhaltet schlechte Löhne, so das aus ihnen heraus kein großer Stimulus für die Binnennachfrage entsteht, der den Nachfrageeffekt wesentlich übersteigt, als diese in Jobs gekommene Arbeitnehmer noch vollständig zu Lasten der Sozialsysteme ihren nötigsten Konsum deckten.

Zieht man von der Summe der Arbeitnehmerentgelte die Sozialbeiträge der Arbeitnehmer ab, erhält man die Summe aller Bruttolöhne und -gehälter und bricht man diese Summe dann auf die Anzahl der Beschäftigten im 1. Quartal 2012 und je Monat herunter, erhält man die durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat. Dieser betrug dann Brutto (nominal) 2'499 Euro, ein Anstieg von +1,38% bzw. von +34 Euro je Arbeitnehmer und je Monat zum Vorquartal. Real (preisbereinigt) stiegen die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat im 1. Quartal 2012 um +0,72% bzw. um +15,92 Euro!

Zieht man weiter den Arbeitnehmeranteil für die Sozialbeiträge und die Lohnsteuer ab, erhält man dann die durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat. Preisbereinigt, nach offizieller Lesart um den Anstieg der Verbraucherpreise (VPI), offenbaren die Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat nach Steuern und Abgaben als lange Datenreihe seit Q1 1991 ein Desaster an mieser Partizipation in der Besten aller Exportwelten:

Die realen (preis- ,saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat seit Q1 1991 bis Q 2012 (2005=100). In Q1 2012 ging es zwar aufwärts, um +10,92 Euro, auf preisbereinigte durchschnittliche 1'482,828 Euro (2005=100), dies ist aber immer noch um -3,93% unter dem Niveau des Jahres 1991 und um -2,45% unter dem Niveau des Jahres 2000!

Deutschland hat in Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 und angesichts der sich aktuell weiter aufbauenden systemischen Schuldenkrise, die die gesamte Eurozone bedroht und weltweite Kollateralschäden birgt, die verstrichene Zeit wenig genutzt um seine Exportlastigkeit abzubauen und damit einen relevanten Beitrag zum Abbau der Ungleichgewichte im Handel mit der Welt beizutragen. Dies bei vergleichsweise noch optimalen Bedingungen.

Wenn sich die weltwirtschaftlichen Aussichten weiter eintrüben und damit das einzige wirkliche Standbein des deutschen Erfolgsmodells, der Export einbrechen sollte, wird auch Deutschland vom realwirtschaftlichen Desaster getroffen, welches bereits in den Ländern der Südperipherie weit vorangeschritten ist. Zugegeben diese Analyse hielt den Fokus auf das schief aufgestellte Wirtschaftsmodell und überzeichnet damit in der Kritik die reale Lage, die vergleichsweise als gesamte Volkswirtschaft betrachtet komfortabel ist, aber die Jubelmeldungen hierüber werden gerne anderen Medien überlassen.

Quelle Daten:

Destatis.de/Pressemitteilung: Ausführliche Ergebnisse zur Wirtschaftsleistung im 1. Quartal 2012, https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/05/PD12_178_811.html;jsessionid=AA10A385D5B03507C01F8E5F0AA9A8B7.cae1

Genesis.destatis.de/Datenbank VGR https://www-genesis.destatis.de/genesis/online;jsessionid=35EAF023CC328C7114A65C8834D12CC9.tomcat_GO_1_1?sequenz=statistikTabellen&selectionname=81000

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